„Es hat uns umgetrieben und wir haben gesagt: Wir brauchen ein demokratisches Modell der Gewerkschaftsbewegung“

Bernd Günther über den Aufbau der freien Gewerkschaften 

 

Bernd Günther hat als Stahlbetonbauer die Leipziger Wahrzeichen mitaufgebaut, so den Universitätsturm (heute MDR-Turm) und das Wintergartenhochhaus. Schon damals engagierte er sich als Vertrauensmann in der damaligen IG Bau-Holz. Dass der FDGB kein freier Gewerkschaftsbund war, sondern von der SED gesteuert wurde und die sogenannten Mitgliedsgewerkschaften an der Leine führte, missfiel ihm schon schon früh. Er entschied sich dann über den zweiten Bildungsweg ein Studium in Berlin anzustreben. Von dort aus beobachtete er den kontinuierlichen Niedergang des DDR-Regimes.

Stets die Erfolge der polnischen Solidarność  genau beobachtend, erkannte man in der DDR der Wendezeit, wie wichtig es ist freie Gewerkschaftsstrukturen aufzubauen. War der FDGB noch stets den Anweisungen der SED unterstanden und hatte staatstragende Funktionen inne, sollten die neuen Strukturen parteipolitisch ungebunden sein. Als politisch „nichtbelasteter“ junger Kollege stieg er schnell in der damaligen Baugewerkschaft (Bau Steine Erden) auf.

Als solcher verhandelte er auch direkt mit der Treuhandanstalt in Leipzig: Am Runden Tisch  für Wirtschaft und Arbeit (siehe Abbildung) wurde unter Vorsitz des damaligen Leipziger Bürgermeister Hinrich Lehmann-Grube über die Zukunft der Arbeitswelt in der Region Leipzig gestritten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sitzplan des Runden Tisches für Wirtschaft und Arbeit — Die verschiedenen Akteure verhandelten über die Zukunft der Arbeitswelt in Leipzig. Aus: Privatarchiv Bernd Günther

 

 

 

Doch die Treuhandanstalt erhielt im Juni 1990 ihren gesetzlichen Auftrag alle Betriebe der DDR so schnell wie möglich zu privatisieren, sofern sie aus der Sicht gewisser Branchenvertreter wettbewerbsfähig waren. Dies geschah aus der Sicht Günthers auch in zweifelhafter Weise: Unternehmen, welche in das kapitalistische Ausland exportiert hatten, wurden auf einmal als unrentabel eingestuft und liquidiert. Gegen solche Vorgänge wussten sich die Kollegen aber auch zu wehren: So wurden schonmal mehrere Kubikmeter Kies vor Betriebstoren ausgeschüttet, um sich Gehör zu verschaffen.

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