„Und dann kam plötzlich Freiheit. Und es wurde immer schlechter und schlechter“

Toan Nguyen

Betrachtet man die demographischen Daten des heutigen Ostdeutschlands im Vergleich zu Westdeutschland, fällt einem einiges auf: Die Bevölkerung ist älter, männlicher und es gibt weniger Kinder. Außerdem weisen viel weniger Menschen in den neuen Bundesländern einen so genannten Migrationshintergrund auf (mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren). Dies lässt sich darin begründen, dass es in der Geschichte der DDR weniger Einwanderung aus dem Ausland gab als in die BRD. Doch es gab sie, die so genannten Vertragsarbeiter*innen, welche zumeist aus den „befreundeten sozialistischen Bruderländern“ in die DDR kamen, um sich ausbilden zu lassen und zu arbeiten. Knapp unter 100.000 Vertragsarbeiter*innen gab es in der DDR, sie arbeiteten oftmals segregiert von den anderen Arbeiter*innen in eigenen Brigaden in den volkseigenen Betrieben.

1990 mussten die meisten dann erleben, wie sich die rassistische Stimmung der damaligen Bundesrepublik nicht nur gegen das Grundrecht auf Asyl, sondern auch ganz konkret gegen sie wandte: Bei den Pogromen in Hoyerswerda 1991 und Rostock-Lichtenhagen 1992 mussten die oftmals gerade arbeitslos gewordenen Menschen erleben, wie sie zur Zielscheibe des Hasses ihrer Nachbarn wurden.

Toan Nguyen war 1988 aus Vietnam nach Freital gekommen, um im damals größten Edelstahlwerk der DDR zu arbeiten. Die Arbeit war hart und die deutsche Sprache zu erlernen war nicht vorgesehen. Die Vertragsarbeiter*innen sollten sich nicht in die Stadtgesellschaft „integrieren“, sondern lebten abgeschottet in eigenen Wohnheimen. 1990 kam dann der große Schock: Die Vertragsarbeiter*innen wurden als erste entlassen. Von einem auf den nächsten Tag war unklar, ob Toan und seine Kolleg*innen überhaupt in Deutschland bleiben dürften.

Die große Gruppe der mosambikanischen Arbeiter*innen (1989 arbeiteten 15.100 von ihnen in der DDR) musste die Bundesrepublik sofort verlassen und wartet bis heute auf einen Teil ihres Lohnes.  Auch für die größte Gruppe der vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen (59.000 im Jahr 1989) war der Aufenthaltsstatus unklar. Die Regierung Kohl hatte in Zeiten der Asylrechtsverschärfungen und rassistischer Ausschreitungen in Ost und West wenig Interesse sich für diese Gruppe einzusetzen. So blieb den Vietnames*innen nur der Weg sich durch prekäre selbstständige Beschäftigungen über Wasser zu halten und zu hoffen, nicht abgeschoben zu werden. Die endgültige Sicherheit über den Aufenthalt bekamen die ehemaligen Vertragsarbeiter*innen oftmals erst zehn Jahre nach der Wiedervereinigung. So auch Toan: Er schlug sich Anfang der 1990er erst mit Zeitungsaustragen durch, musste zwischenzeitlich in seinem Auto wohnen und hangelte sich von einer befristeten Aufenthaltsgenehmigung zur nächsten. Und all dies in den gefährlichen „Baseballschlägerjahren“, als Staat und Politik großzügig wegschauten, während der Alltagsrassismus in Ostdeutschland grassierte.

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