“Wir wollten verhindern, dass das Geld regiert”

Gerd Gebhardt: Der Ideengeber der Ur-Treuhand

Gerd Gebhardt ist Physiker und arbeitete bis 1989 als Gutachter am Bezirks-Hygiene-Institut Potsdam. Er beobachtete in dieser Funktion die Misswirtschaft in der ostdeutschen Ökonomie. Ab 1985 schloss er sich der oppositionellen “Freien Forschungsgemeinschaft Selbstorganisation” an, in welcher bereits früh diskutiert wurde, wie ein Ausweg aus der  defizitären DDR-Planwirtschaft gefunden werden kann. Statt einem autoritären Top-Down-Prinzip sollten kleinere Einheiten autonom über ihre Angelegenheiten entscheiden können.

Als die Mauer fiel, ging alles ganz schnell: Gebhardt erarbeitete für “Demokratie Jetzt”, die am zentralen Runden Tisch mit der Modrow-Regierung verhandelten, ein Konzept, wie mit dem Volkseigentum der DDR umzugehen sei. Dieses befand sich laut den Oppositionellen in zweifacher Gefahr: Einerseits hätten noch die alten SED-Kader zu viel zu sagen in den Kombinaten, andererseits müsste man das Volkseigentum vor windigen westdeutschen Investoren schützen. Ähnlich wie bei einem Erbfall brauche es eine unabhängige Instanz, welche die Betriebe schützt, bis ein tragfähiges Konzept für die Gesamtwirtschaft erarbeitet sei. Außerdem sollte das Volkseigentum durch die Schaffung einer solchen Treuhandanstalt demokratisiert werden, da durch die Ausgabe von Anteilsscheinen alle Bürger*innen der DDR an diesem Besitz teilhaben sollten.

Das Konzept stieß auf Zustimmung, so dass es am 12. Februar 1990 vom Zentralen Runden Tisch beschlossen wurde. Als die DDR-Regierung am 01. März 1990 die Ur-Treuhandanstalt einrichtete, waren Gebhardt und sein Umfeld damit aber wenig zufrieden: Entgegen dem Beschluss des Runden Tisches wurden keine Anteilsscheine an die 16 Millionen DDR-Bürger*innen ausgeteilt. Das Volksvermögen blieb der Modrow-Regierung unterstellt, bis diese im März 1990 ihre Macht an die neue Regierung unter Lothar de Maizière  verlor.

Die Anteilscheine wurden von der Bürgerrechtspartei Bündnis 90 trotzdem gedruckt und als Protestmarken unters Volk gemischt.

Mit diesen Anteilsscheinen sollten die DDR-Bürger ihren Anteil des Volksvermögens einfordern können – sollte Bündnis 90 die Wahl gewinnen.

Dass die Treuhandanstalt letztlich tat, was sie tat, hatte somit wenig mit dem zu tun, was Gerd Gebhardt und seine Mitstreiter*innen ursprünglich überlegt hatten. Auch wenn Gebhardt an sich nichts Schlechtes im kapitalistischen Wirtschaften erkennen kann, so lässt sich doch konstatieren, dass zwischen dem Gedanken der Selbstorganisation in der Wirtschaft und deren Demokratisierung, welche Gebhardt und Co. trieben und dem Marktradikalismus einer “eisernen Lady” Birgit Breuel ein signifikanter Unterschied liegt.

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